Neuerscheinung:
„Das Lotusjuwel – eine Reise zum Ursprung“.
Ein spiritueller Roman, der phantasievoll und humorvoll ist. Er ist unterhaltsam und spannend geschrieben, mit verblüffenden Wendungen in der Geschichte und bis zum Schluss fesselnd.
Klappentext des Buches:
„Das Lotusjuwel ist ein spiritueller und fabelreicher Phantasieroman, der bis zum Ursprung allen Seins führt. Dazu macht sich Nokojo auf eine abenteuerliche Reise, um das Geheimnis des Juwels zu entlüften. Er tritt in das Unterbewusstsein der Menschen ein, ein Land auf keiner Karte verzeichnet – das Vaagan Moorland. Bizarr, skurril und gefährlich ist seine Reise durch das Vaagan Moorland. Immer wieder begegnet er hier sich selbst, seinen personifizierten Ängsten, Gedanken und Gefühlen. Aber an seiner Seite hat er den weisen wie auch lustigen Uhu Mabu und den tollpatschigen Hund Nekita, die ihn fortan begleiten. Hier trifft Nokojo auch auf seine weibliche Zwillingsseele, die in das Vaagan Moorland verbannt wurde. Nur durch viele Prüfungen kann er sie erlösen und hebt damit ein Juwel aus den Tiefen hervor, das ihn in das Wissen allen Seins einführt.“
BoD Verlag, 228 Seiten, 13,90 Euro
Rezension von Amazon:
5.0 von 5 Sternen Spirituell, humorvoll und bewegend,
Von
G.A. - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Das Lotusjuwel: Eine Reise zum Ursprung (Broschiert)
Nokojo ist 13 Jahre alt und ein ganz besonderer Junge, denn er ist ein Auserwählter. Das bekommt er erst nach und nach mit und möchte anfangs auch gar nichts davon wissen. Gemeinsam mit seiner weisen Großmutter macht er eine spirituelle Reise. Als die Großmutter stirbt, ist er erstmal auf sich alleine gestellt, bekommt aber dann gewitzte Begleiter, den Uhu Mabu und den Hund Nekita. Zusammen mit ihnen erlebt er Abenteuerliches, gewinnt immer mehr an Erfahrungen und vollzieht eine persönliche Entwicklung, die ihn reifen lässt.
Der Roman ist gut geschrieben, die handelnden Personen sind gut charakterisiert. Ich denke, dass das Buch auch schon für Jugendliche geeignet ist.
Die Erzählweise ist liebenswert und humorvoll, leicht verständlich.
Dieser spirituelle Roman wird nicht nur ein Leserpublikum ansprechen, das mit spirituellen Themen vertraut ist, denn aufgrund der Hinführung zum Thema erlaubt es dem einen oder anderen, die Spiritualität für sich zu entdecken.
Ein spannendes, humorvolles Lesevergnügen der ganz besonderen Art!
Leseprobe
Ein gefiederter Freund
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I |
n Nokojos Seele ist alles wie ausgebrannt. Atemlos rennt er durch den dunklen Wald, über Steine, Hügel und Gestrüpp. Die meterhohen Tannen wirken wie dunkle Riesen, die ihn mit ihrem Umhang aus weit ausufernden Zweigen zu verschlingen drohen. Und Nokojo rennt durch ihren Umhang hindurch, reißt dabei Zweige aus und schneidet sich an ihnen, dass es leicht blutet. Aber der Schmerz ist ein geringerer als der, vor dem er fliehen möchte.
Er springt einen Abhang herunter, bahnt sich seinen Weg durch Verzweigungen dicht gedrungener Büsche, bis er eine große Waldlichtung erreicht.
Völlig außer Atem lässt er sich zu Boden fallen und japst nach Luft. Er blickt in den sternenklaren Nachthimmel über ihm und versucht Sternbilder herauszufinden.
„Da ist der große Wagen. Auf Anhieb gefunden.“
Er lacht, obwohl ihm eigentlich nicht zum Lachen zumute ist. Mit einem tiefen Seufzer schließt er seine Augen und spürt seine erschöpften Glieder, durch die das warme Blut strömt.
Chaotische Bilder springen ihm entgegen, ein Stakkato von wirren Farben und unkoordinierten Mustern blitzen in ihm auf. Erschrocken reißt er seine Augen wieder auf. „Ich bin nur etwas aufgeregt, alles ist ganz normal… ganz normal.“
Er streicht sich seine Haare aus dem Gesicht und setzt sich auf. Die Lichtung ist eben und der Wald umringt sie wie eine dunkle Mauer aus Holz und dichtem Blätterwerk. Das Mondlicht taucht die Lichtung in eisiges Blau, und ein Uhu ruft einsam durch den Wald. Der Wind rauscht durch die Blätter, der wie ein geheimnisvolles Flüstern ist. Ein Flüstern wie von Elfen und Gnomen, die im Mondlicht einen zauberhaften Tanz beschreiben, irgendwo tief in den Wäldern von Talmantin.
Erneut schließt er seine Augen und amtet einmal tief durch. Die Erschöpfung hat sich in eine angenehme Entspannung gewandelt und Nokojo fühlt eine tiefe Ruhe in sich aufsteigen. Er hört seinen regelmäßigen Herzschlag in seinen Ohren pochen, dass mit Waldrauschen zusammen eine Melodie anzustimmen scheint.
Als Nokojo seine Augen wieder öffnet, schreckt er mit einem Mal zurück: Sambuja steht vor ihm, vom strahlendem Licht umringt! Nokojo glaubt eine Halluzination zu haben und reibt sich seine Augen. Aber das Bild wird nur noch eindringlicher. Mit einem Sprung ist er auf seinen Beinen und torkelt unsicher zurück.
„Wie…was….“, stottert er und schüttelt seinen Kopf, als würde er damit das Bild zum Verschwinden bringen wollen, aber Sambuja bleibt in leibhaftiger Größe vor ihm stehen.
Ein wundersamer hell strahlender Kranz umgibt sie, der so hell ist, dass es einen weiten Schein in den dunklen Wald hinein wirft.
Sambujas Antlitz ist voller Warmherzigkeit und Güte, und sie lächelt ihn sanft an. Auf ihrem Gesicht liegt ein seltsames Leuchten und Nokojo tritt fassungslos einen Schritt zurück.
„Sambuja? Großmutter? Bist du es?“ fragt Nokojo irritiert.
Aber sie antwortet ihm nicht. Und noch bevor er etwas zu ihr sagen kann, erblasst das Bild wieder und löst sich in der Schwärze des Waldes auf.
Mit ihrem Verschwinden kommt ein kräftiger kalter Wind auf, der durch den Wald saust und die Bäume zum Schwanken bringt. Nokojo schlingt seine Arme um sich, es fröstelt ihn. Der Wind trägt seltsame Töne mit sich, wie von einem Gesang, der von weit her zu kommen scheint. Und plötzlich durchschießt ein tiefer Schmerz durch seine Seele, dass er augenblicklich in Tränen ausbricht.
„Irgendetwas ist passiert.“
Mit diesem Gedanken, der ihm fast zur Gewissheit wird, rennt er so schnell er kann wieder durch den Wald zurück zum Festplatz.
Dunkle bedrohliche Wolken türmen sich auf, und der kalte Wind verwandelt sich in einen Sturm, der ihn scharf ins Gesicht schneidet. Nur mit Mühe kann Nokojo gegen den Sturm ankommen. Immer wieder hört er im wütenden Sturm seltsame Stimmen, Stimmen, die seinen Namen rufen, und es wird ihm unheimlich zumute.
Der Himmel über ihn bricht auf, und es schüttet wie eine Sintflut hernieder, dass Nokojo gezwungen ist sich einen Unterschlupf in einem abgestorbenen ausgehöhlten Baumstumpf zu suchen.
Es donnert gewaltig, und Blitze jagen durch den Himmel, dass es nur so kracht. Doch dann, mit einem Mal, legt sich der Sturm unvermittelt, und der Regen hört abrupt auf. Verwundert blickt Nokojo aus dem Baumstumpf: Das Wolkenmeer am Himmel ist aufgebrochen und erste Sterne scheinen wieder durch.
Als Nokojo aus dem Baum wieder heraus kriechen will, überkommt ihn ein ganz seltsames Gefühl. Ein Gefühl, das sich immer mehr zu einem Bild verdichtet. Ein Bild, das sich wie ein Panorama vor ihm ausrollt: Erinnerungsszenen mit Sambuja blitzen vor ihm auf. Wie ein Film laufen die Erinnerungsbilder vor seinem inneren Auge ab. Und ein unerschütterliches Gefühl lässt ihn nicht mehr los, ein Gefühl, dass Sambuja nicht mehr am Leben ist.
„Großmutter!“ ruft Nokojo in die Nacht hinaus. Doch die Nacht mit ihrer eisigen Kälte hüllt sich in ein tiefes Schweigen.
Als Nokojo weiter will, bleibt er mit einem Mal wie angewurzelt stehen. Eine bleierne Schwere lähmt seinen ganzen Körper, er kann sich mit einem Mal nicht mehr bewegen. Und ihn überkommt eine so große Müdigkeit, dass er sich am liebsten nur noch hinlegen möchte. Seine Beine fühlen sich wie Gummi an und an seinen Armen scheinen Bleiblöcke zu hängen. Doch ein schriller Hornruf durchschneidet die Nacht und reißt Nokojo aus seiner Lethargie heraus. Es kommt aus unmittelbarer Nähe, er muss sich schon ganz nah beim Festplatz befinden.
„Großmutter!“, ruft Nokojo abermals.
Mit bösen Vorahnungen läuft Nokojo zum Festplatz hinunter.
Ein großer Menschenkreis hat sich an der Stelle gebildet, wo er zuletzt mit Sambuja zusammen saß. Als die Menschen ihn kommen sehen, gehen sie langsam beiseite und Nokojo erblickt Sambuja auf dem Boden liegend, tot.
Eine alte Frau hält ihren Kopf auf dem Schoß und rezitiert unentwegt religiöse Verse, die von ihr mehr gesungen als gesprochen werden.
Fassungslos starrt Nokojo auf seine Großmutter, sie sieht so friedlich aus, es liegt fast ein Lächeln auf ihren Lippen.
„Sie - ist – tot“, sagt Nokojo mechanisch, mit einem Gefühl, als würde ihn in dem Moment ein riesiger Stein in den Erdboden drücken. Plötzlich fühlt er eine Hand auf seiner Schulter.
„Ihre Zeit war gekommen, Nokojo. Sie wusste es“, bemerkt Manatuo leise und zieht ihn näher zu sich heran.
„Eben habe ich noch mit ihr gesprochen und jetzt ist sie tot. Warum? Wäre ich doch vorhin nur nicht weggelaufen.“
Betrübt senkt er den Kopf und Manatuo drückt ihn tröstend an sich.
Von der Menge stellen sich vier Männer ab, die die Trage mit Sambuja auf ihren Schultern anheben und sich in Gang setzen. Ein ganzer Zug von Menschen mit brennenden Fackeln bildet sich hinter Sambuja, der sich schweigend durch die schwarze Nacht bewegt.
Unentwegt muss Nokojo auf ihren Leichnam starren und kann es nicht fassen. Eine tiefe Reue erfasst ihn, dass er sie so grob von sich gestoßen hat. War es seine Schuld? Kann ein Mensch etwas hervorrufen, das wider den natürlichen Gesetzen geht? Suchend schaut er in den Nachthimmel, ob es vielleicht irgendein Zeichen zu finden gibt. Aber die Sterne stehen wie stumme Zeugen am Himmel, und die Nacht erscheint ungewöhnlich einsam, fremd und kalt.
Der Zug von Menschen hält unter einer großen Eiche an, die direkt am Waldrand steht. Sambujas Wunsch war es immer gewesen, unter einer großen Eiche begraben zu werden und so soll ihr letzter Wille entsprochen werden.
Während die Männer das Grab ausschaufeln, füllen sich Nokojos Augen mit Tränen. Wie ein Flehen bittet er den Himmel um ein Zeichen von ihr, irgendetwas, das ihm Gewissheit geben lässt, dass sie irgendwo vielleicht weiter lebt, in anderen Gefilden, vielleicht bei den Elfen und Baumgeistern. Aber eine Leere höhlt seine Seele aus und er fühlt sich so schrecklich einsam wie nie zuvor. Wieder steigt eine bleierne Schwere in ihm auf, und er fühlt sich so gelähmt, dass er nur undeutlich der Begräbniszeremonie folgen kann. Keiner sagt auch nur ein Wort, und die eisige Stille schmerzt in Nokojos Seele. Nur die Eiche, durch die der Nachtwind braust, spendet ihm einen gewissen Trost.
Auf der Eiche sitzt ein kleiner Uhu, der das Spektakel da unter ihm misstrauisch beäugt. Mit seinem Protest von „Uhu…uhu“ als ausgesprochenes Missempfinden, ausgerechnet unter seiner Wohnstelle ein Loch zu buddeln, scheint er jedoch nicht sonderlich viel Aufsehen zu erregen. Vielleicht sind sie ja taub, diese merkwürdig anmutenden Riesenvögel, mit seltsamem Federkleid. Also gibt er das Beste, was er nur geben kann und plustert so viel Luft in sein Federkleid, dass er ausschaut wie ein kleiner Ballon. Der Uhu holt an Luft heraus, was er an Luft nur heraus pressen kann, und es ertönt ein gewaltiges: „Uhuhurrarrrghurg, hust, hust…“ er hat sich komplett mit der Luftmenge verkalkuliert.
Nokojo schaut nach oben, hatte er nicht eben etwas gehört? Doch er kann nichts entdecken und kehrt mit seiner Aufmerksamkeit wieder zum Begräbnis zurück.
Der Uhu ärgert sich in sein Federkleid hinein, weil ihn keiner so recht Beachtung zollt. Sollen die doch machen, was geht ihn das an? Ist ja schließlich nicht sein Loch. Mit einem dicken Schmollschnabel kehrt er dem ganzen Geschehen einfach den Rücken zu.
Wieder ist es still wie zuvor und auch im Uhu kehrt allmählich wieder Seelenfrieden ein. Plötzlich schreckt ihn ein lauter Gesang aus seinem Gefieder und er fällt fast vom Ast herunter. Nur mir Mühe kann er sich mit seinem Stupsschnabel wieder hoch angeln.
Mit Argusaugen stiert er nach unten, jetzt reicht es aber langsam! Doch was er da sieht wundert ihn, sie füllen das Loch mit einem Vogel. Hat er jetzt einen neuen Mitbewohner? Das macht ihn mehr als neugierig. Er hüpft auf den vorderen Ast und stiert mit zunehmendem Interesse nach unten, schließlich ist er gegen neue Nachbarschaft nicht abgeneigt.
Nach einem gesprochenen Gebet verlassen die Menschen nach und nach das Begräbnis, bis nur noch Manatuo, sein Vater Souku und Nokojo übrig sind. Alle schweigen betreten, keiner will zuerst gehen, um Sambuja die letzte Ehre zu erweisen. So ergreift Souku das Wort, was bei einer Begräbniszeremonie sehr unüblich ist.
„Mein Sohn! Es ist im Sinne von Sambuja, dass ich die Schweigezeremonie unterbreche. In Anbetracht, dass ihr Tod doch sehr überraschend kam – und dies gilt insbesondere für dich, Nokojo- waren nur wenige eingeweiht, dass sie bald sterben wird. Aber auch für diejenigen trat ihr schneller Tod doch auch überraschend ein. Ich möchte nicht in Rätseln sprechen, Nokojo. Manatuo, ich und noch einige andere, waren von ihr eingeweiht, dass es bald soweit ist und sie ihren Körper verlassen werde, wie sich sie auszudrücken pflegte. Welchen Sinn aber ihr plötzlicher Tod hat, wird sich mit der Zeit offenbaren…“
Soukus Worte erreichen Nokojo nicht. Schweigend steht er an ihrem Grab. Er hört zwar seinen Vater sprechen, aber die Worte hallen durch ihn hindurch, als wäre er dünn wie Pergamentpapier. Nokojo fühlt sich innerlich wie eine Wüste, öd und leer, weit weg vom Leben und allem was ihm lebenswert erscheint.
Manatuo merkt in welcher Stimmung sich Nokojo befindet, fühlt, dass er nicht loslassen kann und ihn eine bleierne Trauer umringt. Mit Händezeichen versucht er Souku zu verstehen zu geben, dass es besser ist, Nokojo mit Sambuja jetzt alleine zu lassen. Souku nickt einverstanden. Ohne ein Wort an Nokojo zu richten, verlassen beide das Begräbnis.
Nokojo nimmt kaum wahr, wie sich Manatuo und sein Vater von Sambuja verabschieden. Er starrt durch sie hindurch, als wären sie Luft. Und auch als Souku und Manatuo gegangen sind, steht Nokojo immer noch regungslos am Grab. Er empfindet nichts, nur eine große Leere in sich. Nokojo fühlt sich wie erstarrt, als wäre er zu Stein geworden, als wäre er selbst gestorben.
„Tot…tot…tot…“
Er schließt seine Augen und wiederholt die Worte so oft, als würde er aus seiner eisigen Beklemmung ausbrechen wollen, sie zum Zusammenstürzen bringen. Gleichzeitig fühlt er aber auch eine unglaubliche Hitze in seiner Seele hochsteigen und er schreit, so laut er nur kann. In Tränen aufgelöst lässt er sich auf ihr Grab fallen.
Der kleine Uhu hält sich mit seinen Flügeln immer noch die Ohren zu. Also, dieses Vogelvolk will er nicht unbedingt als nächste Nachbarschaft! Er kann über ihre Manieren nur mit der Nase rümpfen.
Verächtlich lugt er herunter. Was er aber dann sieht, erweicht sein stolzes Uhuherz. Ein erbärmlich zusammengekauertes Häufchen Vogel sitzt in Tränen aufgelöst vor diesem Vogelnest frisch ausgehobener Erde. Das geht ihm ans Herz, dass ihn prompt eine dicke Träne aus dem rechten Auge kullert und direkt auf Nokojos Nasenspitze fällt.
Nokojo hört kurz auf zu schluchzen. Ob es wohl Regen geben mag? Er schaut in den Himmel, aber keine Wolke ist zu sehen, die Nacht ist weit, klar und unheimlich einsam. Wieder muss Nokojo anfangen zu weinen und greift mit seinen Händen immer wieder durch die frisch aufgehäufte Erde.
„Ich will auch tot sein!“
Doch dann zieht ein warmer Windhauch über ihn hinweg und Nokojo nimmt darin einen Geruch wahr, den er immer bei Sambuja wahrnahm, als sie noch lebte. Dann wird es hell um ihn. Nokojo setzt sich auf und blickt erstaunt um sich. Er ist von einer Art Licht umgeben, das ihn wie ein sanfter Nebel umgibt und Nokojo hat ganz stark das Gefühl, dass Sambuja bei ihm ist. Er kann ihre Nähe richtig fühlen, er sieht sie zwar nicht, aber Nokojo fühlt, dass sie bei ihm ist und zu ihm spricht. Es ist mehr innerlich, in Gedanken, als wäre sie ihm ganz nah. Nokojo wagt kaum zu atmen, aus Angst, sie könne im Nu wieder verschwinden.
„Der Tod ist nur eine Grenze, die jeder einmal überschreiten wird. Genauso wie Geburt eine Grenze ist, die die ungeborene Seele überschreitet. Es ist nur eine Veränderung, ein Rhythmus der Natur: Kommen und Gehen, Gehen und Kommen. Ein ewiger Kreislauf des Werdens, Vergehens und des Wiederentstehens. Es geschieht zu jeder Zeit und überall.“
Vor lauter Freude springt Nokojo auf und blickt aufgeregt um sich und fragt sich, wo sich Sambuja wohl verstecken mag. Doch da ist niemand, nur die Nacht mit ihrer klammen Kälte ist das Einzige, was ihn umgibt. Ihm wird kalt, und er schlingt seine Arme um sich.
„Was ist Seele?“
Nokojo wird ganz still. Er wagt sich nicht zu bewegen und lauscht gebannt seiner inneren Zwiesprache.
„Was ist Seele?“
„Großmutter, wo bist du?“
Stille.
Sein Gefühl, dass Sambuja in seiner Nähe ist, verschwindet allmählich. Das Licht um ihn herum löst sich wieder auf und er fühlt sich viel ruhiger als vorher, irgendwie getröstet, obwohl ihm das merkwürdig vorkommt, dass er keine Trauer mehr empfindet.
Nach diesem Erlebnis ist Nokojo fest davon überzeugt, dass Sambuja nicht wirklich tot ist, das sie noch da ist, nur nicht mehr so wie vorher. Er kann selbst keine vernünftige Erklärung für sein Gefühl finden, immerhin liegt ihr Körper doch unter der Erde, sie ist nicht mehr am Leben. Trotzdem weiß Nokojo mit untrüglicher Sicherheit, dass Sambuja nicht einfach ausgelöscht ist, dass ein Teil von ihr weiter existiert.
„Was hätte das Leben sonst für einen Sinn“, spricht er seine Gedanken laut aus. „Man lebt sein ganzes Leben und dann, wenn man stirbt, war’s das? Dann ist es endgültig, für ewig, aus und vorbei? Was hätte das alles für einen Sinn und wozu?“
Wieder hat Nokojo die quälende Empfindung, dass sich seine Gefühle aufspalten und in zwei verschiedene Richtungen gehen. Das taucht immer dann auf, wenn er seine Gefühle nicht mehr mit dem Verstand zu erklären weiß. Als würde der Verstand einfach nicht ausreichen, eine Welt zu erfassen, die er erahnt und die von Grund auf so anders ist, dass sich einfach keine Worte finden lassen, ihre Andersartigkeit zu beschreiben.
Nokojo brütet über die Unterschiede nach, die Gefühle und Gedanken haben. Ein lästiges Kribbeln in der Nase unterbricht zwangsläufig seine Überlegung.
„Ha…Haaaa..tschi!“ Nokojo reibt sich die Nase.
„Ha..Ha..rabu tiii…“
Was war das? Nokojo hatte nicht zweimal geniest. Verwundert schaut er sich um, kann aber nichts entdecken.
„Echoooo, warst du das?“, ruft Nokojo laut in die Nacht hinaus. Doch es erklingt kein Widerhall und Nokojo wird es langsam unheimlich. „Ich glaube, es wird langsam Zeit, dass ich gehe.“
Im Rückwärtsgang bewegt sich Nokojo langsam von der Eiche weg, sein Blick fest an den Baum geheftet; das Geräusch kam aus unmittelbarer Nähe.
„Niesen Wölfe?“ Er muss über seine eigene Frage lachen. Eine komische Vorstellung, dass Wölfe niesen. Besonders nicht in diesem hohen Quietschton, das würde eher eine Maus zustande bringen, aber man weiß ja nie.
Der kleine Uhu putzt sich gerade seine Nase, jedenfalls das, was man als Nase bezeichnen kann, zwei kleine Öffnungen über seinem winzigen Schnabel. Einige Male blinzelt er mit großen Augen durch die Gegend und entdeckt, dass Nokojo sich rückwärts von der Eiche hinweg bewegt. In uhutorianisch denkt sich, dass der Arme so verwirrt sein muss, dass sich glatt seine Beine verdreht haben und er jetzt nur noch rückwärts gehen kann. Das geht ihm wieder so an sein kleines Uhuherz, dass ihm wieder eine dicke Träne aus seinem Auge kullert.
„Der Arme! Man muss ihm doch irgendwie helfen können.“
Er verschränkt seine Flügel ineinander und denkt angestrengt nach. „Hm, vielleicht sollte man in nächster Zeit ein Auge auf ihn haben. Wer weiß, wenn er jetzt schon nur noch rückwärts gehen kann, was dann als nächstes passiert?“
Fest entschlossen ihm zu helfen, breitet er seine Flügel aus und hüpft vom Ast herunter.
In einem steil nach unten gerichteten Sturzflug zieht er elegant die Bremse und biegt geschmeidig in eine Linkskurve ein. Sein Flügelschlag macht nicht das leiseste Geräusch. Wie ein kleines fliegendes Gespenst, schneeweiß wie er ist, nimmt er Direktkurs auf Nokojo.
Nokojo, immer noch rückwärts gehend, singt die ganze Zeit über, um sich die Angst zu vertreiben. In der Dunkelheit entdeckt er auf einmal etwas Weißes, das direkt auf ihn zuzufliegen scheint.
„Himmel, was ist denn das?“
Nokojo hat nicht die geringste Vorstellung, was das fliegende Ding sein könnte. Schnell schwenkt er sich wieder nach vorn und rennt so schnell er kann weg.
„Was ist das nur, ein Gespenst? Aber Gespenster soll es doch nicht geben. Oder doch?“ Er dreht sich um, um sich zu vergewissern. „Doch es gibt sie, es gibt sie, ahhhhrr.“ Wie ein Blitz saust er davon.
Aus nächster Nähe, mehr in der vertikalen Lage, lugt der Uhu großäugig seinen auserwählten Schützling an. Er mustert seine Schnelligkeit und scheint recht zufrieden mit ihm zu sein.
„Ahhh, das ist gut. Seine Beine haben sich wieder nach vorn gedreht. Ich glaube, ich habe einen sehr guten Einfluss auf ihn. Nicht nur seine Beine funktionieren wieder tadellos, er rennt auch wie eine Gazelle. Das ist sehr gut, nur weiter so, mein Junge.“
Mit einem vierfachen Salto Mortale stürzt sich der kleine Uhu mit weit ausgebreiteten Flügeln steil nach unten, um seinen Schützling genauer in Augenschein zu nehmen.
Für Nokojo ist es nicht gerade einfach, schnell zu laufen und gleichzeitig den Uhu im Visier zu behalten, der hoch oben über seinem Kopf kreist. Beinahe wäre er über eine Baumwurzel gestürzt, konnte sich aber gerade noch auffangen.
„Oh nein, gleich hat er mich. Hilfe!“, ruft Nokojo.
Doch das fliegende Gespenst kommt unaufhaltsam näher. In einem steil nach unten gerichteten Sturzflug fliegt der Uhu schneller der Erde entgegen, als ihm eigentlich lieb ist.
Ein lautes Krächzen durchschneidet die Stille: Er hat sich komplett mit seiner Fluggeschwindigkeit verkalkuliert. Noch bevor er mit einem Flügelschlag abbremsen kann, landet er unsanft und mit lautem Getöse auf dem Boden.
Ruuums... - ein paar Federn fliegen durch die Luft.
Abrupt hält Nokojo an. Ein Knäuel weißer Federn liegt vor ihm auf dem Boden.
Vorsichtig kommt Nokojo näher, um das verunglückte Gespenst genauer zu begutachten. Ob es noch lebt? Aber Gespenster leben doch nicht. Und vor allen Dingen, gibt es Gespenster mit Federn? Er hebt eine auf und schaut sie rätselnd an.
„Mit welchem Wesen haben wir es hier zu tun? Ein Gespenst mit Federn? Hm, nein. Das ist unglaubwürdig.“ Er schaut sich den Verunglückten näher an.
Der kleine Uhu liegt mit weit ausgebreiteten Flügeln auf dem Boden. Seine Augen sind geschlossen, aber er atmet noch, vielmehr ringt er nach Luft. Er muss husten und pustet dabei ein paar Federn in die Luft, die überall rings um ihn verstreut liegen. Das klingt so lustig, dass Nokojo lachen muss.
Der Uhu blinzelt einige Male und starrt Nokojo mit großen Augen an, der sich über ihn gebeugt hat und ihn ebenfalls verwundert anstarrt.
„Also, für ein Gespenst siehst du ja nicht gerade zum Fürchten aus. Du bist ein Vogel, aber was für einer? Du fliegst lautlos in der Nacht, drehst Kapriolen in der Luft und deine Landung lässt zu wünschen übrig. Das ist sehr merkwürdig.“
Nachdenklich trippelt Nokojo mit seinem Finger auf seinem Mund herum.
Der kleine Uhu, der sich mittlerweile wieder aufgerappelt hat, streift mit seinen Flügeln erst einmal den ganzen Dreck von seinem Federkleid ab. Dann merkt er, dass ihm sein Schädel ganz schön weh tut. Wehleidig legt er seine Flügel über seinen Kopf und fängt herzzerreißend zu wimmern an.
„Du bist wohl auf den Kopf gefallen, kleiner Gespenstervogel, lass mich mal schauen.“
Vorsichtig hebt Nokojo einen Flügel hoch und untersucht den kleinen Uhu. „Aha, das habe ich mir gedacht. Tut’s hier weh?“ Nokojo drückt vorsichtig auf eine angeschwollenen Stelle an seinem Hinterköpfchen, und Volltreffer, der Uhu quietscht auf und fängt fürchterlich zu meckern an: „Uhuru huar, krrr, uhu ups...“
Mit seinen Flügeln schlägt er wild auf und rast wie eine dampfende Lokomotive im Kreis umher und meckert und meckert und meckert: „Uhuhruhr, kra, krups uhrx...“
Schnaufend stampft er wütend von einer Kralle auf die andere und steht kurz vor einer Explosion.
„Oh je.“ Vorsichtshalber geht Nokojo einen Schritt zurück. „Da hilft nur eins.“
Aus seiner Jackentasche zieht Nokojo seinen ledernen Trinkschlauch und gießt den gesamten Wasserinhalt über das meckernde Federvieh.
Platsch... - und augenblicklich ist Ruhe.
Der Uhu blinzelt ein paar Mal ganz perplex durch die Gegend. Er muss sich erst einmal orientieren, was nun und wie nun soviel Regen auf einmal daherkommt. Platschnass steht er da und sagt keinen Piep mehr, der Schock sitzt ihm zu tief in den Federn.
Unterdessen liegt Nokojo auf dem Boden und krümmt sich vor Lachen. Dann hört er aber mittendrin auf, weil er sich auf einmal schämt. Sambuja ist tot und er amüsiert sich. Nokojo wird nachdenklich.
„Wahrscheinlich bin ich deswegen so unbeschwert, weil ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass du nicht mehr lebst. Ich kann nicht begreifen, wie ein Mensch einfach ausgelöscht sein kann…? Das ergibt doch keinen Sinn. Ich fühle immer noch, dass du in meiner Nähe bist, ich kann hören, wie du zu mir sprichst, es muss noch etwas anderes geben, was den Tod überdauert. Nur was? Oder bin ich verrückt geworden? - Ich fühle mich vollkommen klar, wie die Sterne, die in einer klaren Nacht leuchten.“
Nokojo schaut zum Nachthimmel auf. Dabei fällt ihm wieder die Frage ein, an die er vorhin denken musste. Vielmehr hat er das Gefühl gehabt, dass Sambuja ihm die Frage stellte. Was hatte sie wissen wollen?
„Was ist Seele? Ja, um das war es gegangen“, sagt Nokojo laut. In Gedanken versunken zwirbelt er eine Haarsträhne zur Locke.
„Seele… Seele… Die Seele überdauert den Tod, das ist die Antwort!“ Abrupt hört er auf in seinen Haaren herumzufingern. „Genau! Großmutter wollte mir damit ein Zeichen geben. Himmel sei dank, dass es so ist.“
„Ha… Ra… Butschiiii…“
Nokojo wird aus seinen Gedanken gerissen. Bei seinem kleinen Federfreund scheint sich eine Erkältung anzukündigen. Nokojo hebt den nassen kleinen Kerl hoch und betrachtet ihn mit prüfendem Blick. Aus rot verquollenen Augen schaut der Uhu ihn ganz wehleidig an.
„Ha… Ha…“ Nokojo dreht schnell seinen Kopf weg. „Rabutschiiii…“
„Gesundheit! Du bist ja ganz schön lädiert, kleiner Gespenstervogel. Ich nehme dich lieber mit, sonst bekommst du noch eine Lungenentzündung.“
Nokojo steckt seinen kleinen kranken Freund in seinen Pullover. Dann schlägt er seinen Kragen hoch und rennt wie der Wind, so schnell wie möglich zurück, denn ihm ist ziemlich kalt und er spürt schon seine Zehen nicht mehr.
Brrrr… - und weg ist er.
„Traumland, Traumland unbekannt. Bist Wirren, bist Schönheit, ein lachendes Echo, eine schellende Hand. Bin ganz in deinem Bann. Bin ein gefangenes Ich, sich auflösend in deiner Flüssigkeit, die bald Fabelwesen hier, bald Zauberhaftes dort, mich fest geronnen und zerfließe wieder in Formlosigkeit wie Glitzerschnee in der Sonne. Hier will ich sein, in der Halle meines Herzens, unbegrenzt und unerschöpflich folge ich dem Ruf unendlichen Freiseins.
Chaos bist du, lieblich doch und der Schrecken, der mich fliehend macht. Schaffst Engelsflügel mir, keinen Sinn du gibst und doch die Quelle, von der ich schöpf’.
Doch mein erdig’ Wohnraum ist aus Fleisch und Knochen, wie bleiern es mich nach unten zieht. Nimmer dort ich fliegen kann und Worte mich gefangen nehmen. Oh, ich rufe wilde Sehnsucht aus und such die süße Wonne, die mich lieblich trägt, gleich einer Wolke, auf der ich fliehen will in meine verzauberte Welt hinein: Traumland, mein Traumland unbekannt.“